Gesundheit – ein Dorn im Auge der Medizin?
Über die seltsame Liebe der Medizin zu Laborwerten
Es gibt in Deutschland drei Dinge, auf die man sich verlassen kann: die Steuererklärung, Baustellen auf der Autobahn – und Blutabnahmen. Kaum betritt ein Patient heute eine Praxis, wird er bereits innerlich auf links gedreht. Früher fragte der Arzt: „Wo tut es weh?“ Heute lautet die erste medizinische Liebeserklärung: „Wir machen erst einmal ein großes Blutbild.“ Großartig. Groß kann schließlich nie falsch sein.
Der moderne Mensch scheint ohnehin aus medizinischer Sicht hauptsächlich aus Röhrchen zu bestehen. Rot, gelb, lila – man könnte meinen, die Diagnostik hätte heimlich eine Kooperation mit einem Farbenhersteller abgeschlossen. Besonders faszinierend ist dabei die beinahe poetische Beziehung zwischen Diagnose und völlig anderen Laborwerten. Ein Patient kommt wegen Gicht? Natürlich überprüfen wir erst einmal die Leberwerte. Zusätzlich vielleicht noch die Schilddrüse, Vitamin D und sicherheitshalber irgendetwas mit Antikörpern – man weiß ja nie, ob sich nicht doch heimlich ein medizinischer Überraschungsgast eingeschlichen hat. Warum? Nun ja … weil man es halt macht. Jemand leidet unter rheumatischen Beschwerden? Dann wird erst einmal ein großes Blutbild gemacht, als wolle man nebenbei noch den Gesundheitszustand der ganzen Familie überprüfen.
Dabei interessieren am Ende häufig nur zwei oder drei Entzündungsparameter. Der Rest verschwindet still und leise irgendwo im digitalen Nirwana deutscher Gesundheitsbürokratie. Manchmal frage ich mich, ob wir Menschen behandeln – oder Excel-Tabellen. Die moderne Medizin wirkt zunehmend wie ein schlecht gelaunter Buchhalter: „Die Gamma-GT ist minimal erhöht.“ „Und wie geht es dem Patienten?“ „Keine Ahnung, steht nicht im Laborbericht.“ Natürlich sind Laborwerte wichtig. Sehr wichtig sogar. Niemand mit gesundem Menschenverstand würde sinnvolle Diagnostik infrage stellen. Aber wann wurde aus „sinnvoll“ eigentlich „Wir messen einfach alles, was nicht schnell genug wegrennt“? Der heutige Patient verlässt die Praxis oft nicht mit einer Diagnose, sondern mit einem PDF-Anhang.
Und genau hier beginnt die eigentliche Satire. Denn während regelmäßig Werte kontrolliert werden, deren klinischer Nutzen oft überschaubar bleibt, werden andere Vorsorgeparameter erstaunlich stiefmütterlich behandelt. Warum werden innovative Krebsmarker so selten präventiv eingesetzt? Warum wartet man häufig, bis Symptome auftreten? Warum investieren wir Milliarden in Verwaltung und immer neue Laborprofile, aber vergleichsweise wenig in echte Prävention? Vielleicht, weil Prävention langweilig ist?
Die Gesundheitsindustrie lebt paradoxerweise oft besser von der Krankheit als von der Gesundheit. Ein vollständig gesunder Bürger ist medizinisch ungefähr so interessant wie ein Drucker ohne Fehlermeldung. Und so entsteht ein System, das permanent kontrolliert, misst, überwacht und dokumentiert – aber manchmal vergisst, den Patienten anzusehen. Der Patient wird zum wandelnden QR-Code. Dabei wäre Medizin manchmal erstaunlich einfach: zuhören, beobachten, sinnvoll diagnostizieren, gezielt handeln und dann behandeln. Nicht jedes Zwicken braucht gleich ein Blutbild in Spielfilmlänge. Nicht jeder Laborwert ist ein Orakel.
Und nicht jede minimale Abweichung bedeutet direkt den biologischen Weltuntergang. Vielleicht braucht die Medizin gelegentlich weniger Röhrchen – und wieder etwas mehr gesunden Menschenverstand. Denn am Ende ist Gesundheit nicht die Abwesenheit rot markierter Laborwerte. Gesundheit ist Lebensqualität. Und die lässt sich bis heute erfreulicherweise noch nicht im Labor bestimmen. Natürlich ist Kritik allein noch keine Lösung.
Die entscheidende Frage lautet deshalb: Wie könnte ein anderer Blick auf Gesundheit aussehen? Aus meiner Sicht beginnt er dort, wo wir aufhören, ausschließlich nach Krankheit zu suchen. Denn Laborwerte zeigen oft, was bereits aus dem Gleichgewicht geraten ist. Mindestens genauso spannend ist jedoch die Frage, warum es dazu gekommen ist.
Deshalb betrachten wir in unserer Praxis nicht nur einzelne Messwerte, sondern den Stoffwechsel als Ganzes. Wir erstellen ein Stoffwechselprofil, das uns Hinweise darauf gibt, wie der Organismus arbeitet, welche Prozesse gut funktionieren und wo möglicherweise Regulationsstörungen bestehen. Wir schauen uns an, was das Blut transportiert, was gespeichert wird und was nicht. Wir analysieren, was aus dem Darm tatsächlich ins Blut gelangt und von dort in die Zellen. Uns interessiert, wie die Blutzellen arbeiten – nicht nur, wie viele davon vorhanden sind.
Anders ausgedrückt: Ich möchte eine Funktionsanalyse und keine reine Anwesenheitsliste. Darin liegt für mich ein wesentlicher Unterschied. Wir suchen nicht nur nach Krankheit. Wir suchen nach den Bereichen, in denen Gesundheit verloren gegangen ist oder gar nicht erst entstehen konnte. Das eröffnet häufig einen völlig anderen Blick auf Beschwerden und ihre Ursachen. Meiner Erfahrung nach liegt vielen Erkrankungen nicht nur ein Zuviel zugrunde, sondern oft auch ein Zuwenig – ein Mangel an wichtigen Nährstoffen, Baustoffen oder Regulationsfaktoren. Und nicht selten finden wir die Ursachen dafür in den lieb gewonnenen Gewohnheiten des Alltags. Denn eines ist sicher: Wenn alles so bleibt, wie es ist, wird sich nichts verändern.
Manchmal muss der Bewegungsmuffel lernen, sich zu bewegen. Manchmal muss aber auch derjenige, der ständig unter Strom steht, lernen, zur Ruhe zu kommen. Gesundheit entsteht oft dort, wo wir bereit sind, eingefahrene Muster zu hinterfragen. Manchmal bedeutet das eine Veränderung um 180 Grad. So einfach – und zugleich so herausfordernd – kann Gesundheit sein.
Herzlichst aus Kranzegg
Edi Herzog





