Neuer Kurs für Kempten
Oberbürgermeister Christian Schoch im Gespräch
Interview: Jasmin Lutz
Eine neue Amtszeit in Kempten hat begonnen. Oberbürgermeister Christian Schoch bringt einen unternehmerischen Blick auf die Stadtverwaltung ein und steht vor der Herausforderung, aktuelle städtische Anliegen mit konkreten Lösungen voranzubringen. Von der Schaffung bezahlbaren Wohnraums über die Stärkung des Sicherheitsgefühls bis hin zu einer lösungsorientierten Verwaltungskultur: Im Gespräch erläutert der neue Oberbürgermeister seine Prioritäten und seine Vision für die Stadtentwicklung. Er zeigt auf, wie er die kommenden Jahre nutzen möchte, um Kempten gezielt zu gestalten – stets im Bewusstsein der Verantwortung, die dieses Amt für die gesamte Stadtgesellschaft mit sich bringt.
Herr Schoch, Sie haben nach 12 Jahren den Amtsinhaber abgelöst. Wie war der Moment, als Sie das erste Mal als Oberbürgermeister Ihr neues Büro betreten haben: Hat es sich nach „Heimkommen“ angefühlt oder eher nach einem riesigen Berg Arbeit?
Weder noch. Von einem Gefühl des Heimkommens kann ich – da meine Jahre in Kempten bereits zu weit zurückliegen – nicht sprechen. Als ich das Büro das erste Mal betrat, war ich daher vor allem von großer Ehrfurcht erfüllt. Mir wurde unmittelbar bewusst, welche Verantwortung dieses Amt mit sich bringt und welche Herausforderungen in den kommenden Jahren vor uns liegen.
Nicht jeder hat Sie gewählt. Wie gehen Sie auf die Menschen zu, die Angst haben, dass sich unter einem neuen Oberbürgermeister zu viel verändert?
Zunächst einmal glaube ich nicht, dass alle, die mich nicht gewählt haben, automatisch Angst vor Veränderungen haben. Mir ist wichtig, auf alle Bürgerinnen und Bürger gleichermaßen zuzugehen und ihre Anliegen ernst zu nehmen. Veränderungen bieten oft mehr Chancen als Risiken – vorausgesetzt, sie sind nachvollziehbar und transparent vermittelt. Zudem haben wir viele Entwicklungen nicht vollständig selbst in der Hand. Entscheidend ist daher, wie wir als Stadt mit diesen Veränderungen umgehen und sie aktiv gestalten.
Sie kommen aus der freien Wirtschaft und kennen gleichzeitig die Stadtverwaltung von früher. Was ist die erste ‚Behörden-Bremse‘, die Sie lösen wollen, damit Entscheidungen in Kempten nicht mehr so lange dauern.
Diese Frage erfordert eine differenzierte Betrachtung. Überall dort, wo ich zeitliche oder finanzielle Hürden in unseren Abläufen erkenne, werde ich zügig Verbesserungen anstoßen. Gleichzeitig ist es mir ein Anliegen, dass relevante Themen schnellstmöglich in den zuständigen Gremien beraten und notwendige Beschlüsse herbeigeführt werden. Darüber hinaus möchte ich eine Verwaltungskultur fördern, in der Kommunikation nicht ausschließlich hierarchisch verläuft, sondern offen und lösungsorientiert gestaltet wird.
Sie haben gesagt, bezahlbarer Wohnraum ist Ihr wichtigstes Ziel. Wenn wir uns in zwei Jahren wieder treffen: Woran genau sollen die Kemptener merken, dass es beim Thema Wohnen wirklich vorangeht?
Mein Handeln wird sich auf dem Wohnungsmarkt voraussichtlich nicht innerhalb von zwei Jahren direkt in den Mietpreisen oder der Wohnungsverfügbarkeit niederschlagen. Dennoch werde ich vom ersten Tag an Projekte unterstützen, die zusätzlichen Wohnraum schaffen, ohne dabei ausschließlich auf das Premium-Segment zu setzen. Mein Ziel ist es, die Mietpreisentwicklung spürbar zu dämpfen. Dazu werde ich den Neubau fördern, Nachverdichtungen großzügig ermöglichen und der Zweckentfremdung von Wohnraum konsequent entgegenwirken.
Oft scheitern neue Wohnungen an der Bürokratie oder an Nachbarn, die nicht vor ihrer Haustür bauen wollen. Wie viel „harter Hund“ steckt in Ihnen, um solche Projekte trotzdem durchzusetzen?
Mir sind keine Fälle bekannt, in denen Wohnungsbau allein deshalb gescheitert wäre, weil Nachbarn ihn nicht wollten. Die größeren Herausforderungen liegen derzeit in den hohen Baukosten und den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Um Projekte erfolgreich um zusetzen, muss ich aus meiner Sicht kein „harter Hund“ sein. Entscheidend sind Durchsetzungsfähigkeit, Sachlichkeit und die Fähigkeit, unterschiedliche Interessen zusammenzuführen.
Sicherheit und Freiheit sind Ihnen wichtig. Wo in Kempten gibt es Ihrer Meinung nach Ecken, in denen sich die Menschen aktuell nicht sicher fühlen, und was ändern Sie dort als Erstes?
In Bereichen wie dem Stadtteil ‚Auf dem Bühl‘ ist das subjektive Sicherheitsgefühl in den vergangenen Wochen spürbar gesunken. Daher werden wir die bestehenden Konzepte zur Vermeidung von Obdachlosigkeit grundlegend überprüfen, um Konflikte besser zu vermeiden. Auch aus dem Stadtpark wird mir vermehrt von einem nachlassenden Sicherheitsgefühl bei Dunkelheit berichtet. Wir werden dort – ebenso wie im Umfeld öffentlicher Sanitäranlagen – geeignete Maßnahmen prüfen, um das Sicherheitsgefühl der Bürgerinnen und Bürger nachhaltig zu stärken und gleichzeitig Vandalismus wirksam vorzubeugen.
Sie sind 42 Jahre alt und haben zwei Kinder. Wenn Sie an die Zukunft Ihrer eigenen Kinder in Kempten denken: Was fehlt der Stadt aktuell am meisten für die junge Generation?
In der Innenstadt mangelt es vor allem an attraktiven Aufenthaltsorten für junge Menschen. Gleichzeitig wünsche ich mir eine höhere Aufenthaltsqualität an der Iller, damit dieser besondere Raum für alle Generationen noch stärker erlebbar wird. Darüber hinaus brauchen junge Menschen in den einzelnen Stadtteilen – etwa in Thingers, Auf dem Bühl oder in der Eich – vielfältige Freizeit- und Beschäftigungsangebote.
Ein Blick auf Ihren Vorgänger: Thomas Kiechle war lange im Amt. Gibt es eine Sache, die er richtig gut gemacht hat und die Sie genau so weiterführen werden?
Die respektvolle und konstruktive Zusammenarbeit mit dem Stadtrat ist ein Fundament, das ich ausdrücklich fortführen möchte. Ebenso schätze ich Thomas Kiechles klare Haltung bei der Verteidigung demokratischer Werte, die auch für mich von zentraler Bedeutung ist. Grundsätzlich gilt für mich: Nur weil man Dinge anders angeht, bedeutet das nicht, dass sie zuvor falsch oder schlechter gemacht wurden. Jede Amtszeit setzt ihre eigenen Schwerpunkte – und darauf möchte ich aufbauen.
Zum Abschluss – kurze Fragen, kurze Antworten
- Wochenmarkt oder Supermarkt? Wochenmarkt
- Lieblingsplatz in Kempten, um abzuschalten? Mariaberg
- Was muss in Kempten in 6 Jahren unbedingt anders sein als heute? In sechs Jahren sollen die Bürgerinnen und Bürger deutlich besser über die Arbeit und Entscheidungen der Stadtverwaltung informiert sein. Gleichzeitig wünsche ich mir, dass sie sich einfacher und direkter in politische Prozesse einbringen können – mit dem Vertrauen, dass wichtige Entscheidungen zügig und transparent getroffen werden. Auch städtebaulich ist eine konsequente Weiterentwicklung nötig. Besonders wichtig ist mir, dass wir eine tragfähige Perspektive für das ehemalige Galeria-Kaufhof-Gebäude gefunden haben. Zudem sollte bis dahin eine durchgängige, attraktive Radverkehrsachse vom Bahnhof bis zum Pfeilergraben entstanden sein, die nachhaltige Mobilität in unserer Stadt spürbar stärkt.




