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Von wegen für die Tonne

Irrtümer bei der Mülltrennung

DSC03019 1Wer Müll macht, muss ihn entsorgen; am liebsten möglichst schnell und unkompliziert. Die Verführung, dabei auf Mülltrennung zu pfeifen, ist groß. Deckel auf, rein in die Tonne, Deckel zu. Ist der Müll erst mal außer Sichtweite, ist er schnell vergessen. Dass diese „Klappe zu Affe tot“-Mentalität beim Thema Mülltrennung nicht zieht, sickert immer mehr in unser Bewusstsein. Fakt ist: Mülltrennung ist essenziell und der erste Schritt in einer ziemlich klugen Recycling-Kette. Dipl.-Ing. Renate Jeni ist Abfallberaterin beim Zweckverband für Abfallwirtschaft (ZAK) in Kempten. Sie kennt die Fehleinschätzungen rund um die Thematik Müll. Beispielsweise die Annahme, Plastik gehöre per se in den Gelben Sack und am Ende würde sowieso alles verbrannt. Wir haben sie zum Interview getroffen und mit den gängigsten Irrtümern aufgeräumt.

 

Frau Jeni, Deutschland hat den Ruf, in puncto Mülltrennung besonders vorbildlich zu sein. Stimmt das?

Deutschland war lange Vorreiter in Sachen Mülltrennung. Inzwischen gibt es aber EU-weit einen Konsens, dass sich Mitgliedsstaaten um die Sortierung der Abfälle kümmern müssen, um die Kreisläufe zu schließen. Die EU-Richtlinien sind allerdings nicht sehr scharf und ihre nationale Umsetzung nicht überall so streng geregelt wie bei uns in Deutschland. Aber es bewegt sich momentan sehr viel in diesem Bereich und es gibt Bestrebungen, die Sortierung in Europa zukünftig noch konsequenter zu gestalten.

Jeni Renate 2Dipl.-Ing. Renate Jeni ist Abfallberaterin beim Zweckverband für Abfallwirtschaft (ZAK) in Kempten. © ZAK Kempten

Warum ist die Mülltrennung bei uns bundesweit so unterschiedlich geregelt?

Das Kreislaufwirtschaftsgesetzt gibt vor, dass die Länder in diesem Punkt selbst entscheiden, wie sie die Entsorgung organisieren wollen. In Bayern beispielsweise wurde die Verantwortung für die Müllentsorgung an die Landkreise und die kreisfreien Städte übertragen. Das ist nicht immer einfach umzusetzen. Bei uns im Allgäu gab es zum Beispiel in den 90er-Jahren einen extremen Müllnotstand. Damals mussten zwei von drei Ofenlinien abgeschaltet werden, weil sie die neuen gesetzlichen Vorgaben für Emissionsschutzwerte nicht mehr einhalten konnten. Der Abfall musste zum Teil bis nach Frankreich gefahren werden. Also hat man sich hingesetzt und ein Abfallwirtschafts-Konzept erarbeitet. Sprich: Wertstoffe sortieren, Biomüll kompostieren und lediglich den Restmüll verbrennen. Was damals aus der Not heraus entstand, wurde stetig weiterentwickelt und eine neue Müllverbrennungsanlage sowie ein Kompostwerk gebaut. Das Konzept hat sich bewährt. Noch heute schauen wir immer wieder, wo es Verbesserungspotenzial gibt.

 

Das heißt, wer umzieht, muss sich unter Umständen erstmal mit den Gepflogenheiten seiner neuen Heimat vertraut machen. Herrscht da nicht oft Unsicherheit?

Leider ja. Aber dafür sind wir beim ZAK ja da, um genau diese Unsicherheiten auszuräumen. Wichtig ist hier vor allem die Aufklärung der Jüngsten. Wenn ich in die vierten Klassen gehe, merke ich, dass die Kinder wenig bis gar keine Ahnung von Mülltrennung haben. Früher war die Thematik fester Bestandteil des Lehrplans, was leider abgeschafft wurde und was ich sehr problematisch finde. Einige Lehrer schaffen es trotzdem, Mülltrennung in ihren Unterricht einzubauen und dann komme ich gerne mit meinem Wertstoffpuzzle vorbei, um den Kindern die Kreisläufe zu erklären. Das Thema ist schließlich immer aktuell und Grundlage für ein nachhaltiges Leben. Man muss hier nicht einmal mehr sonderlich ins Detail gehen, um den Kindern verständlich zu machen, wie wichtig Mülltrennung ist. Darüber hinaus hat diese Arbeit in den Schulen den positiven Nebeneffekt, dass die Kinder das Thema in die Familien tragen und auch bei den Eltern wieder ein Bewusstsein dafür schaffen.

Stichwort „Unwissenheit“: Laut Umweltbundesamt sollen die Fehlwürfe beim Gelben Sack bei 40 Prozent liegen. Das klingt recht hoch.

DSC02957 1Dauerbetrieb bei 900 °C: Das Müllheizkraftwerk Kempten läuft Tag und Nacht. Unser Verbandsgebiet schneidet hier besser ab. Laut der Rückmeldung, die wir von den Sortieranlagen bekommen, ist die Fehlerquote im Allgäu geringer. Das liegt sicherlich an der zusätzlichen Kontrolle auf den Wertstoffhöfen, weil unsere Bürger die Gelben Säcke nicht bloß an den Straßenrand legen, sondern persönlich abgeben. Das führt automatisch dazu, dass man sich mehr mit dem Thema befasst und besser vorsortiert. Die Allgäuer sind aber von Haus aus sehr bedacht, wenn es um Natur und Umwelt geht. Wer in einer so schönen Gegend wohnt, der will sie nun einmal erhalten. 

 

 

Liegen die Fehlwürfe beim Gelben Sack mehr an Unwissenheit oder Bequemlichkeit?

Der Gelbe Sack ist leider anfällig für unbeabsichtigte Fehlwürfe, weil viele denken, er sei ein Sammelbehälter für jegliche Kunststoffe. Dem ist nicht so. Hier gehören ausschließlich Verpackungen hinein, nicht aber das ausrangierte Bobbycar oder Klarsichtfolien. Andererseits sind im Gelben Sack viele Verpackungen, die nicht stofflich verwertet werden können, sondern aussortiert werden müssen und in die sogenannte thermische Verwertung wandern. Sprich: Sie werden verbrannt. Das hat bei einigen fälschlicherweise zu der Annahme geführt, der Gelbe Sack würde per se verbrannt und somit sei das Trennen obsolet. Das stimmt aber nicht. In den Sortieranlagen wird vorher sehr genau aussortiert, was recycelt werden kann und was nicht. Die Kunststoffe, die verbrannt werden, liefern aber auch Wärme und Strom.

Warum aber lassen sich Bobbycar und Klarsichtfolie nicht genauso recyceln wie der Joghurtbecher? Das Material ist doch das gleiche.

Beim Gelben Sack geht es aber nicht um das Material, sondern darum, wer das Recycling am Ende bezahlt. Der Gelbe Sack ist Teil des Verpackungsgesetztes, das deutschlandweit gilt und nach dem Verpackungen eingesammelt und recycelt werden. Dafür zahlen die Firmen, die die Verpackungen in Umlauf bringen. Bobbycar und Klarsichtfolie aber sind keine Verpackungen, sondern Produkte. Rein stofflich betrachtet kann man beides wunderbar verwerten, aber dafür gibt es eben keine Lizenzgebühren.

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Ist das nicht wahnsinnig verwirrend für den Verbraucher?

In der Tat. Nehmen wir zum Beispiel Infusionsflaschen, die als medizinische Abfälle gelten. Die Flasche selbst gehört in den Gelben Sack, aber das Zubehör, wie beispielsweise die Schläuche, müssen in den Restmüll, weil dafür keine Lizenzen bezahlt werden. Anders gesagt: Die Regelungen sind manchmal ziemlich verrückt und machen es den Menschen nicht einfacher.

Ist der Gelbe Sack damit überhaupt eine zeitgemäße Lösung oder gibt es Bestrebungen, auch den herkömmlichen Plastikmüll, der nicht als Verpackung zählt, zu recyceln?

Die ganze Problematik rund um den Plastikmüll beginnt bereits damit, dass Unmengen an Plastik überhaupt erst produziert werden. Ausgangspunkt für den Gelben Sack war die Verpackungsverordnung, die unser damaliger Umweltminister Klaus Töpfer 1990 auf den Weg brachte. Damals hat man sich die Hausmüllanalyse angeschaut, die Ende der 80er-Jahre durchgeführt wurde. Man wollte wissen, was eigentlich im deutschen Hausmüll landet und kam zu folgendem Schluss: 30 Prozent organische Abfälle, 50 Prozent Verpackungen und darüber hinaus ein unbedeutender Rest, bestehend aus beispielsweise Windeln oder Stoffabfällen. Daraus entstand die Idee, die Verpackungen herauszufiltern, um den Müll schon einmal um die Hälfte zu reduzieren. Der organische Abfall sollte fortan kompostiert werden und somit bliebe nur noch ein kleiner Rest übrig. Das war der Ausgangspunkt und der hat sich die letzten 30 Jahre nicht verändert. Heißt: Wir klammern uns noch immer an die Verpackungen und nicht an den Berg von Plastik, der seitdem anfällt und der durchaus wiederverwertbar wäre. Ein Bobbycar besteht aus Polyethylen und kann somit wunderbar recycelt werden. Bloß fehlt bislang ein System dafür.

Am Ende bleibt also die Frage nach der Finanzierung.

Genau. Das ist die Krux. Und solange das Geld vom Produzenten als Zuzahlung kommt, wird es schwierig. Wenn Sie Papier, Schrott oder Blech verwerten, dann handelt es sich dabei um Wirtschaftsgüter, für die Sie Geld kriegen. Bei Kunststoff müssen Sie fast immer zuzahlen. Könnten wir die Kunststoffe innerhalb von Europa verwerten, gäbe es keine Kunststoffdeponien in Indonesien oder China, wo ein Teil des Abfalls hin verschifft wird. Ein positives Beispiel für eine Lösung in diesem Bereich sind die PET-Flaschen, die man gegen Pfand zurückbringt und die so als reine Fraktion gehandelt werden.

DSC03001_1.jpgSie haben eben gesagt, dass die Allgäuer bei der Mülltrennung ziemlich vorne mit dabei sind. Wie wird so etwas genau ermittelt?

Wir haben letztes Jahr zusammen mit dem bifa-Institut in Augsburg eine Hausmüllanalyse durchgeführt, die ich persönlich begleitet habe. Dabei wurden rund 20 Kubikmeter Abfall von Hand sortiert und geschaut, was genau in unserem Müll drin ist. Dabei haben wir festgestellt, dass die Menschen hier relativ gut trennen. Natürlich gibt es Fehlwürfe, aber nichts Gravierendes. Lediglich beim Biomüll gibt es nennenswerte Schwächen. Der landet immer noch viel zu häufig im Restmüll.

Haben Sie konkrete Zahlen?

Wir haben einen Anteil von knapp 30 Prozent Biomüll in der Restmülltonne. Im bundesdeutschen Durchschnitt liegt der Anteil sogar bei rund 40 Prozent. Daher werden wir im nächsten Jahr eine Kampagne starten, um den Menschen Sinn und Nutzen der Biotonne näherzubringen.

Können Sie uns hier schon einmal vorab den Nutzen näher erläutern?

Einerseits gewinnen wir aus dem Biomüll wertvollen Kompost, andererseits nutzen wir die Energie, die bei der Vergärung in unserer Biogasanlage entsteht. Das alles passiert im Kompostwerk in Kempten, wo der gesamte Biomüll und die Gartenabfälle weiterverarbeitet werden. Der Strom, der dabei entsteht, wird in das Netz vom Allgäuer Überlandwerk eingespeist und wir erzeugen zusätzlich Fernwärme.

Wie verhält es sich mit dem Restmüll, der verbrannt wird? Von welcher Größenordnung sprechen wir hier?

In unserem Müllheizkraftwerk in Kempten werden pro Jahr rund 130.000 Tonnen Restmüll verbrannt. Davon fallen rund 60.000 Tonnen auf den ZAK-Hausmüll. Der Rest verteilt sich auf Gewerbeabfälle sowie Müll aus dem Ostallgäu, aus Ravensburg und Kaufbeuren. Auch hier wird die Energie, die bei der Verbrennung entsteht, unter anderem in Wärme umgewandelt. Heißt konkret: Unsere Müll- und Holzheizkraftwerke erzeugen somit Wärme für etwa 18.000 Haushalte. Das entspricht einer Energieeinsparung von 31 Millionen Litern Heizöl oder 31 Millionen Kubikmetern Erdgas.

Und der Strom, der dabei entsteht?

Bei der Verbrennung entsteht Strom für umgerechnet rund 24.000 Haushalte. Die Einspeisung erfolgt ins öffentliche Netz. Um die dabei entstehende Wärme auch optimal nutzen zu können, wurde das ZAK-Fernwärmenetz in Kempten aufgebaut. Zurzeit hat es eine Länge von etwa 50 km und versorgt Industrie- und Gewerbebetriebe, Kliniken und Wohnanlagen. Derzeit sind wir dabei, den Stadtteil Thingers anzuschließen. Ein wichtiger Schritt bei den derzeitigen Öl- und Gaspreisen.

Sind die Stoffe, die bei der Verbrennung freigesetzt werden, unbedenklich?

Jede Müllverbrennungsanlage in Deutschland unterliegt strengen Vorgaben, die regeln, was alles aus der Abluft herausgefiltert werden muss. In
mehreren Stationen werden Schwefeldioxid, Dioxin und Furane gebunden. Dabei entsteht Salzsäure und Gips, die vermarktet werden können. Filterstäube aus dem Elektrofilter werden in alten Salzbergwerken deponiert. Zudem handelt es sich bei der thermischen Verwertung von Abfall nicht um fossile Brennstoffe, die man erst aus der Erde holt und bei denen CO2 freigesetzt wird, das bislang gebunden war. Somit verbrennen wir lediglich Stoffe, die bereits in Umlauf waren und gewinnen darüber hinaus noch Energie. Früher wurde der Müll auf Deponien gefahren und klimaschädliches Methan wurde freigesetzt. Heute ist Methan kein Thema mehr.

Welche Projekte sind in Zukunft geplant, um die Menschen noch stärker für das Thema Mülltrennung zu sensibilisieren?

Wir möchten noch weiter im Bereich der Müllvermeidung aufklären. Das ist in den letzten Jahren zu kurz gekommen. Ein erster Schritt sind hier die
Gebrauchtwarenkaufhäuser des ZAK, von denen wir inzwischen vier Stück betreiben. Sie befinden sich teilweise neben den Wertstoffhöfen und jeder kann hier wiederverwendbare Dinge erwerben, die andernfalls in der Tonne gelandet wären. Außerdem haben wir das Projekt „Feste ohne Reste“ geplant, bei dem wir darüber informieren und unterstützen, wie man Feste nachhaltiger gestaltet. Beispielsweise mit klugen Trennstationen und ohne Einweggeschirr.

Glauben Sie, dass die junge Generation ein offenes Ohr für diese Themen hat?

Auf alle Fälle. Von den jungen Menschen gehen derzeit starke Impulse aus. Momentan sind viele noch etwas ratlos, aber der Wille umzudenken ist da. Initiativen wie Landschaftsreinigungen sind gerade wieder sehr präsent. Das ist eine schöne Entwicklung, wenn auch nur der erste Schritt. Der nächste Schritt wäre, den Müll daheim vernünftig zu trennen oder – noch besser – weniger zu konsumieren, damit gar nicht erst so viel Müll anfällt.

Autorin: Linda Hild | Fotos: Patrick Jörg

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